Versuch einer vollständigen Anleitung zum Guitarre-Spielen

Bibliographische Angaben:

Simon Molitor und R. Klinger (eigentl. Wilhelm Klingenbrunner)
Faksimile der Ausgabe von 1812
Hrsg. Dr. Stefan Hackl Doblinger-Verlag, Wien
DM 1421
ISMN M-012-19703-6


Eine Besprechung einer historischen Guitarre-Schule im Rahmen von Internetseiten, die der aktuellen Musikpädagogik gewidmet sind, scheint auf den ersten Blick zu überraschen, doch ist im Fall der vorliegenden Veröffentlichung eine Besprechung sinnvoll, ja geradezu geboten.

Sicher kennen die meisten Kollegen die Schule von Sor und wenigstens in Auszügen die Schulen von Aguado. Bislang galten diese Werke (zurecht) als wegweisend, selbstverständlich setzt(e) jedes Berufsstudium der Gitarre die Kenntnis dieser Werke voraus. Die Molitor-Schule ist den vorgenannten Schulen ohne Frage gleichzustellen. Dass sie bislang mehr oder weniger unbekannt war, lässt sich leicht erklären.
  • Molitor war keine Virtuose vom Rang Giulianis oder Sors.
  • Bisher war auch führenden Wissenschaftlern keine vollständige Fassung bekannt. Die Österreichische Nationalbibliothek verwahrt eine handschriftliche Kopie, die jedoch unvollständig ist, in der Wienbibliothek (früher Stadt- und Landesbibliothek befindet sich eine Ausgabe, die keine Notenbeispiele enthält).
  • Die Mehrheit der Gitarristen glaubt heute nach wie vor an die angeblich herausragende Rolle Tárregas für die Entwicklung der gitarristischen Spieltechnik, eine These, die längst widerlegt ist.
  • Fragen der Aufführungspraxis werden in der Gitarristik selten und dann nur unzureichend auf der Basis von gitarrebezogenen Quellen erörtert: von der Lehre in der Berufsausbildung ganz zu schweigen.
  • Historische Aufführungspraxis war lange (zu lange) ein Fach, das sich vorwiegend auf das 18. Jahrhundert und in diesem Rahmen auf die Auswahl der Werke C. Ph. E. Bachs, L. Mozart und J. J. Quantz konzentriert hat
Im Folgenden werde ich einige wenige Punkte formulieren, die das Buch vorstellen.

Simon Molitor steht am Beginn der Wiener Tradition des Gitarrenspiels. Er war einer der ersten Autoren, die eine entwickelte Spieltechnik zusammengefasst und in systematischer Weise dargestellt haben. Für das Verständnis des Stils der Gitarrenmusik der Wiener Klassik, insb. der Werke Giulianis, sind Molitors Hinweise sehr hilfreich, ja unverzichtbar.

Sein Blick ist durchaus historische geprägt, er kann als einer der ersten Musikwissenschaftler der Musikgeschichte gelten (und das in einer Zeit, als die Musikwissenschaft sich erst allmählich entwickelte). Im Vorwort erwähnt er C. Ph. E. Bach und zudem die im Jahr 1812 aktuellen Entwicklungen des Pariser Konservatoriums - dort etablierte eine Serie von Lehrwerken eine damals neue Aufführungstradition.

In einzelnen Kapiteln werden umfassend alle relevanten Themen der Aufführungspraxis behandelt: Haltung, Instrumentenkundliches, Fingersatz, Artikulation, Verzierungslehre, Notationsgepflogenheiten (Molitor gehört zu den ersten Komponisten, die in der Gitarrenmusik eine polyphone Notation verwendeten und sich ausdrücklich für diese einsetzten) und eine umfassende Harmonielehre.

Stefan Hackls Einführung weist den Leser kompetent auf die historischen Zusammenhänge hin und erklärt notwendige Begriffe, die im Text vorkommen. Darüber hinaus sind auch detailierte biographische Informationen enthalten. geben.

Manche Spieltechniken Molitors dürften heute überraschen, z. B. der Triller über zwei Saiten. Dieser ist wohl keine Erfindung Molitors, sondern eine Praxis der Barockgitarre, jedoch ist er als fester Bestandteil der Wiener Gitarristik der Zeit Giulianis zu betrachten und nicht eine Errungenschaft des legendäres Gitarrenduos Presti-Lagoya. Molitor empfielt diese Technik ausdrücklich, in der Vorrede zu seiner Sonate op. 7 (1806) findet sich ebenfalls eine Darstellung dazu.

Aus der originalen Gitarrenmusik des frühen 19. Jahrhunderts ergeben sich zahlreiche Fragen, die unter Gitarristen nicht hinreichend geklärt sind. Insbesondere die Problematik stilistisch angemessener Fingersätze, die durchaus ambivalente Bedeutung der Bögen (sowohl als Artikulationsmittel kleingliedriger Tonfolgen als auch als Bestandteil eines weitergefassten Bogens) und die zahlreichen Fragen der Notation und Ausführung von Verzierungen werden in Molitors Darstellung erörtet.

Simon Molitors Musik ist ebenfalls sehr interessant, die in der Gitarrenmusik der Zeit häufig anzutreffenden satztechnischen Mängel wird man in seinen Werken kaum finden. Die schon genannte Sonate op.7 gehört zu den besten Stücken Molitors und ist durchaus eine Alternative zu Giulianis Sonate op. 15. Vor einigen Jahren hat eine meiner fortgeschrittenen Schülerinnen im Bregenzerwald den ersten Satz geübt und auch mit großem Erfolg gespielt. Auf der Suche nach ansprechender Literatur, die vom spieltechnischen Anspruch unterhalb der virtuosen Werke Giulianis und Sor liegt, kann man bei Molitor und seinen Wiener Zeitgenossen, z. B. Matiegka, fündig werden. Hier gilt es noch vieles zu entdecken. Gleiches gilt für seine Kammermusik.

Ohne Übertreibung lässt sich resümieren, dass die Molitor-Schule zum Grundbestand der Gitarrenliteratur gehört. Die Ausgabe im Doblinger-Verlag ist auch bibliographisch vorbildlich gestaltet. Gleiches gilt für die musikwissenschaftliche Betreuung und die editorische Leistung Stefan Hackls. Dieses Werk gehört ins Notensortiment aller professionellen Gitarristen, einerseits aus Gründen des historischen Verständnisses unseres Instruments, andererseits aus Gründen seines hohen Rangs in der Gitarrenliteratur.

Viel Gewinn für die eingene Übe- und Konzertpraxis aber auch für den Unterricht

Michael Sieberichs-Nau

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