Dass Fische keine Knie haben, ist der Titel einer interessanten Neuerscheinung des Heinrichshofen-Verlags. »Nie keine Knie«, also die doppelte Verneinung, lässt aufhorchen, schließlich bedeutet dies genau das Gegenteil dessen, was ausgesagt werden soll. Die in diesem Heft (vom Umfang her betrachtet ist es fast schon ein Buch) verwendeten Lieder sind mit Texten von Joachim Ringelnatz unterlegt und so kommt der eigenwillige, unlogische Titel zustande.
Um es gleich vorweg zu sagen: Die Ausgabe verdient eine mehrfachen Bejahung. Das ist unverfänglich, denn mehrere Plus kehren sich nicht ins Gegenteil um.
Eine Liste mehrerer Pluspunkte soll auf die Ausgabe neugierig machen.
- Die Ausgabe ist systematisch konzipiert, ohne jedoch eine allzu strenge, fortlaufende Vorgehensweise zu erzwingen.
- Diese Systematik betrifft den Tonraum, vorkommenden Notenwerte und spieltechnische Überlegungen
- Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, dass der Aufbau auch thematisch gegliedert ist. Themen sind u. a.: Rhythmus, Hören, Spielstücke, Akkorde, Inprovisation. Zu jedem Thema gibt es eine Systematik, also einen Aufbau.
- Der Bezug zu führenden Lehrwerken ist durch methodische Überlegungen gegeben. Aus dem eigenen Programm ist Fridolin von Techner, aus anderen Verlagen ist hier die Gitarrenfibel von Heinz Teuchert (Ricordi) zu nennen. Die Ausgabe lässt sich daher leicht als Ergänzungband im Gruppenunterricht einsetzen.
- Neben leichten Sätzen, die teils Bearbeitung bekannter Lieder sind, ergänzen Erklärungen zu neuen Tönen aber auch schriftliche Aufgaben das Angebot.
- Aus meiner Sicht ist auch erfreulich, dass schon in einem frühen Stadium leichteste akkordische Spielformen angeboten werden.
- Neben den eigentlichen Sätzen sind einige Übungen für die Unterrichtssituation exemplarisch eingerichtet.
- Viele Teile des Werks liefern gute Unterrichtsideen.
- Das Material, insb. die Liedauswahl, ist sehr kindgerecht.
- Die Autoren haben an alles gedacht: Sogar Übe- und Hausaufgabentabellen sind vorhanden.
- Notenbild und Gestaltung (Sibelius), auch die Sorgfalt der Herstellung sind auf dem gewohnt professionellen Stand von Heinrichshofen
Schon diese Liste zeigt, dass sich die Autoren vieles haben einfallen lassen. Der Praxisbezug ist offensichtlich. Fast hat man den Eindruck, das Buch ließe sich auch ohne Schulwerk als vorläufig alleiniges Lehrwerk verwenden. Ich halte das für denkbar, allerdings muss dann vom Lehrer ausreichendes Material für Erklärungen und für die Einführung von Noten bereitgestellt werden. Ohnehin bemerken die Autoren, ein chronologische Durcharbeiten sei nicht vorgesehen. Dabei ist es für den Gruppenunterricht ohnehin zu hinterfragen, inwiefern ein Durcharbeiten eines Lehrwerks nach dem Prinzip »Seite für Seite« sinnvoll sein kann. Wichtiger scheint mir, dass man das Material immer wieder unter verschiedenen Aspekten verwenden kann, so wie es aus der oben stehenden Liste hervorgeht. So kann einmal ein gemeinsames Spiel mit wenigen Leersaiten im Anfangsunterricht mit einer Lehrerbegleitung ein Vorspielstück für Anfänger ergeben, später kann ein fortgeschrittenere Schüler aus den leichten Akkordformen selbst eine Begleitung spielen.
Wenn ich mich unter den Neuerscheinung umsehe, ist dieses Konzept ein besonders gut gelungener Versuch, zu einer bestehenden Schule eine auf Gruppenunterricht zugeschnittene Sammlung bereitzustellen. Außer im Heinrichshofenverlag gibt es Vergleichbares meines Wissens nur bei Ricordi, bei der neuen Langer-Schule bei Doblinger und mit Abstrichen im Schott-Verlag in Los geht’s oder AMA. Die vorliegende Ausgabe jedenfalls gehört zu den besten Sammlungen für den Gruppenunterricht. Dezent wird auch der Begriff »Klassenunterricht« genannt, aber das macht für die methodischen Überlegungen keinen Unterschied. Der Gruppenunterricht ist, mit zunehmender Tendenz, selbst bei uns in Österreich, die Regel-Unterrichtsform im Anfängerunterricht. Warum das von Seiten der Verlage nicht längst aufgegriffen wurde, ist für mich unerklärbar.
Band II ist unter folgendem Link erreichbar: